Förderprojekt der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft

minderjährige Gefangene aus dem Rayon Gatschina zum Gespräch in Ettlingen


Vom Besuch in Deutschland angetan

Zeitzeugen aus Ettlingens Partnerstadt Gatschina erzählen von ihrer Kindheit im Krieg

Erinnerungen an eine schlimme Zeit

Ettlingen und Gatschina – diese Ver­bindung ist nicht nur durch die seit 1992 bestehende Städtepartnerschaft eine besondere. Regelmäßig bemüht sich die Deutsch-Russische Gesellschaft (DRG) in Ettlingen um einen Austausch sowie dauerhafte Verbindungen zwischen Deutschen und Russen. Im Rahmen ei­nes von der Stiftung Erinnerung, Ver­antwortung und Zukunft geförderten Begegnungsprojekts waren dieser Tage drei Zeitzeugen und zwei Betreuerinnen aus Gatschina in der Stadt zu Gast. Auch die Ettlinger BNN-Redaktion ha­ben sie wenige Tage vor dem Volkstrau­ertag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnert, gemeinsam mit dem DRG-Vorsitzenden Gerhard Laier besucht und von ihren 
Erinnerungen an die deutsche Besat­zung im Zweiten Weltkrieg berichtet.

„Wir saßen gerade mit unserem Groß­vater im Keller, als wir hörten, wie die Faschisten auf Motorrädern kamen“, erzählt Kliment Levartovich (80) von derAnkunft der Wehrmachtsoldaten 1941. Wie die anderen Zeitzeugen war er damals noch ein Kleinkind und doch sind diese Erinnerungen an diese schlimme Zeit präsent.

Immer wieder hat er Tränen in den Augen. Auch zu Galina Sergeeva (80) kamen Soldaten in ihr Dorf Luga in der Oblast Leningrad. „Mein Vater war sowjeti­scher Offizier und als die Deutschen davon erfuhren, haben sie meine Mutter und uns Kinder zu einer Untersuchung abgeholt“, sagt sie. „Sie hat das vehement abgestritten und wir haben alle furchtbar geweint.“ Zunächst hatten sie Glück: Ein deut­scher Soldat hatte Mitleid mit den Kin­dern und ließ die Familie frei.Doch spä­ter wurden sie wieder von Soldaten auf­gegriffen – ein Schicksal, das alle drei Zeitzeugen aus Gatschina ereilte. In Güterzügen sollten sie zurZwangsarbeit nach Deutschland gebracht werden, doch die mehrmals von Partisanenangegriffenen Transporte kamen jeweils nur bis nach Litauen. Eine Zeit voller Hunger und ständiger Angst, ehe sie die Rote im Jahr 1944 befreite. „Wir waren so dankbar, dass wir überlebt ha­ben“, sagt Sergeeva. Und doch war es nach Kriegsen­de schwierig für die Überlebenden. „Die Häuser waren ja zerstört, man musste ganz von vorne anfangen“, erzählt Viktor Zozulia (81).

Nach dem Krieg habe man natürlich ein schlechtes Gefühl gegenüber Deut­schen gehabt. „Ich kann aber nicht sa­gen, dass wir alle Deutschen gehasst ha­ben. Esgab auf beiden Seiten Menschen, die den Krieg nicht wollten“, so Sergeeva. Überdie Jahre habe sich ihre Ein­stellung den Deutschen gegenüber geändert. Das wird auch im Gespräch mit den Zeitzeugen deutlich, die bei ihren Erzählungen nie pauschal von „den Deutschen“ sprechen, sondern stark dif­ferenzieren. Von Groll ist nichts zu spü­ren. Von ihrem ersten Besuch in Deutschland sind sie angetan.„Es ist hochentwickelt hier und total sauber“, findet Zozulia. „Auch die Natur ist sehr schön, die gilt es zu bewahren“, ergänzt Levartovich. Bei der Begegnung mit Menschen möchten die russischen Gäste an die tragische Zeit erinnern. Freundschaft, Respekt und Frieden sind Werte, die sie vor allem jungen Leuten vermit­teln wollen. „Die Menschen müssen ler­nen, auch andere Kulturen und Religio­nen wie den Islam zu respektieren“, appeliert Zozulia.

Aktuell werde der Frieden durch Leute wie Trump gefährdet. „Wir alle müssen dafür sorgen, dass sich so ein schreckli­cher Krieg nie mehr wiederholt”, sind sich die Russen einig.

BNN vom 15. 11.2018, Philipp Kungl