Schüleraustausch mit Gatschina

Auf „Gegenbesuch” waren in der vergangenen Woche elf Schülerinnen und Schüler des Uschinkskij-Gymnasiums; im September waren die deutschen Schülerinnen und Schüler in Russland gewesen.

Seit über 20 Jahren gibt es die Austauschprogramme an den beiden Partnerschulen Gymnasium Karlsbad und Wilhelm-RöpkeSchule, alle zwei Jahre machen sich junge Leute auf die Reise, um sich über die Kultur und die Gesellschaft des jeweils anderen Landes, vor allem aber über den sozialen und schulischen Alltag der Gleichaltrigen zu informieren, Kontakte zu knüpfen, Sprachkenntnisse auszuprobieren und zu vertiefen. Unterstützung erfahren dieOrganisatoren von der Deutsch-Russischen Gesellschaft Ettlingen in Person von Gerhard Laier, für die Zusammenstellung des Programms und die Begleitung der Schüler zeichnen von russischer Seite die Deutschlehrerin Irina Elagina und von deutscher Seite Inessa Harsch (Wilhelm-Röpke-Schule) und Katrin Evert(Gymnasium Karlsbad) verantwortlich. Die Woche in Ettlingen und Umgebung warvollgepackt mit Ausflügen und Besichtigungen, Unterrichtsbesuch und Zerstreuung. Auch ein Empfang durch Bürgermeister Dr. Moritz Heidecker in Ettlingen war eingeplant, da er krankheitshalber verhindert war, übernahm KarinHerder-Gysser den Part, die Volkshochschuldirektorin ist bei der StadtEttlingen zugleich für die Städtepartnerschaften zuständig. ImTrausaalvorzimmer des Schlosses begrüßte sie im Namen von BürgermeisterHeidecker und Oberbürgermeister Johannes Arnold die kleine Gruppe, die inBegleitung der beiden Schulleiter Claudia Märkt von der Wilhelm-Röpke-Schuleund Christian Wehrle vom Gymnasium Karlsbad gekommen war.

Ettlingen befindet sich in einem ganzen Geflecht von Städtepartnerschaften, wie Karin Herder-Gysser auf einer Karte zeigte. Dievielfältigen Beziehungen nach Epernay, Clevedon, Middelkerke, Löbau, Menfi und Gatschina sowie die Partnerschaften der Stadtteile seien nur möglich, „weil Menschen dahinter stehen”. Ob in Vereinen, aus persönlichen Gründen, in Schulen: Menschen aller Generationen und aller sozialen Schichten treffen sich auf städtepartnerschaftlicher Ebene, und dies sei nicht zuletzt im Kontext zum 100. Jahrestag des Endes des 1. Weltkrieges gut so. Denn wer sich kenne, bekriege sich nicht. Daher sei es auch so wichtig, wenn sich die junge Generationbegegne, dies sei für sie ganz persönlich Grund zur Freude, betonte KarinHerder-Gysser. Sie ging kurz auf die Geschichte der Städtepartnerschaft mit Gatschina ein, die 1992 offiziell besiegelt wurde. Sie dankte auch im Namen der Rathausspitze allen, die an den Vorbereitungen und der Durchführung des Austauschs beteiligt waren und sind, vor allem aber den Gastfamilien, die ihre Wohnungen und Häuser öffnen für die jungen Leute. Und was fiel den jungen Russinnen und Russen als erstes auf, als sie aus dem Bus stiegen? „Die Häuser sehen anders aus, sympathisch!” meinte eine der Schülerinnen. Ein guter erster Eindruck! Auf dem Programm der Besuchswoche standen Unterrichtsbesuch, Stadtführungen in Ettlingen, Durlach und Karlsruhe, Baden-Baden und Heidelberg, dort auch ein Gang über den Philosophenweg. Ein Ausflug in die Pfalz war geplant sowie sportlich-freizeitmäßige Aktionen wie Minigolf, Bowling oder Ähnliches sowie ein gemeinsames Abschlussessen. Familientag war traditionell der Sonntag.

Förderprojekt der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft

minderjährige Gefangene aus dem Rayon Gatschina zum Gespräch in Ettlingen


Vom Besuch in Deutschland angetan

Zeitzeugen aus Ettlingens Partnerstadt Gatschina erzählen von ihrer Kindheit im Krieg

Erinnerungen an eine schlimme Zeit

Ettlingen und Gatschina – diese Ver­bindung ist nicht nur durch die seit 1992 bestehende Städtepartnerschaft eine besondere. Regelmäßig bemüht sich die Deutsch-Russische Gesellschaft (DRG) in Ettlingen um einen Austausch sowie dauerhafte Verbindungen zwischen Deutschen und Russen. Im Rahmen ei­nes von der Stiftung Erinnerung, Ver­antwortung und Zukunft geförderten Begegnungsprojekts waren dieser Tage drei Zeitzeugen und zwei Betreuerinnen aus Gatschina in der Stadt zu Gast. Auch die Ettlinger BNN-Redaktion ha­ben sie wenige Tage vor dem Volkstrau­ertag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnert, gemeinsam mit dem DRG-Vorsitzenden Gerhard Laier besucht und von ihren 
Erinnerungen an die deutsche Besat­zung im Zweiten Weltkrieg berichtet.

„Wir saßen gerade mit unserem Groß­vater im Keller, als wir hörten, wie die Faschisten auf Motorrädern kamen“, erzählt Kliment Levartovich (80) von derAnkunft der Wehrmachtsoldaten 1941. Wie die anderen Zeitzeugen war er damals noch ein Kleinkind und doch sind diese Erinnerungen an diese schlimme Zeit präsent.

Immer wieder hat er Tränen in den Augen. Auch zu Galina Sergeeva (80) kamen Soldaten in ihr Dorf Luga in der Oblast Leningrad. „Mein Vater war sowjeti­scher Offizier und als die Deutschen davon erfuhren, haben sie meine Mutter und uns Kinder zu einer Untersuchung abgeholt“, sagt sie. „Sie hat das vehement abgestritten und wir haben alle furchtbar geweint.“ Zunächst hatten sie Glück: Ein deut­scher Soldat hatte Mitleid mit den Kin­dern und ließ die Familie frei.Doch spä­ter wurden sie wieder von Soldaten auf­gegriffen – ein Schicksal, das alle drei Zeitzeugen aus Gatschina ereilte. In Güterzügen sollten sie zurZwangsarbeit nach Deutschland gebracht werden, doch die mehrmals von Partisanenangegriffenen Transporte kamen jeweils nur bis nach Litauen. Eine Zeit voller Hunger und ständiger Angst, ehe sie die Rote im Jahr 1944 befreite. „Wir waren so dankbar, dass wir überlebt ha­ben“, sagt Sergeeva. Und doch war es nach Kriegsen­de schwierig für die Überlebenden. „Die Häuser waren ja zerstört, man musste ganz von vorne anfangen“, erzählt Viktor Zozulia (81).

Nach dem Krieg habe man natürlich ein schlechtes Gefühl gegenüber Deut­schen gehabt. „Ich kann aber nicht sa­gen, dass wir alle Deutschen gehasst ha­ben. Esgab auf beiden Seiten Menschen, die den Krieg nicht wollten“, so Sergeeva. Überdie Jahre habe sich ihre Ein­stellung den Deutschen gegenüber geändert. Das wird auch im Gespräch mit den Zeitzeugen deutlich, die bei ihren Erzählungen nie pauschal von „den Deutschen“ sprechen, sondern stark dif­ferenzieren. Von Groll ist nichts zu spü­ren. Von ihrem ersten Besuch in Deutschland sind sie angetan.„Es ist hochentwickelt hier und total sauber“, findet Zozulia. „Auch die Natur ist sehr schön, die gilt es zu bewahren“, ergänzt Levartovich. Bei der Begegnung mit Menschen möchten die russischen Gäste an die tragische Zeit erinnern. Freundschaft, Respekt und Frieden sind Werte, die sie vor allem jungen Leuten vermit­teln wollen. „Die Menschen müssen ler­nen, auch andere Kulturen und Religio­nen wie den Islam zu respektieren“, appeliert Zozulia.

Aktuell werde der Frieden durch Leute wie Trump gefährdet. „Wir alle müssen dafür sorgen, dass sich so ein schreckli­cher Krieg nie mehr wiederholt”, sind sich die Russen einig.

BNN vom 15. 11.2018, Philipp Kungl