Vortrag Dr. Krieger, Uni Heidelberg

Zwei Millionen Russlanddeutsche danken für Wiedergutmachung

Viktor Krieger: „Kriegsfolgenschicksale bis heute vorhanden!“

In der Scheune der Ettlinger Diakonie ging es mit Begriffen hoch her. Die Zuhören vernahmen Worte wie „Kriegsfolgeschicksale, Erinnerungskultur und Erinnerungskämpfe sowie Schicksalsgemeinschaften“ Eingeladen hatte Gerhard Laier, Vorsitzender, der Deutsch-Russischen Gesellschaft Ettlingen, zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. In den Abend führt gekonnt Andreas Schulz, Historiker und Fachreferent für Jugend- und Vermittlungsarbeit an Gedenkstätten der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, ein mit der zentralen Frage des Abends: „Doch was heißt es konkret, wenn wir heute über Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung als wichtige Bestandteile unserer kulturellen Identität sprechen?“ Zuvor hatte er die Ziele der Bundesregierung zitiert: „Wir wollen die dezentrale Erinnerungskultur mit ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement stärken und zukünftig auch kleinere Initiativen und Gedenkstätten im In- und Ausland besser unterstützen“. Damit war enorm vorgelegt für den Heidelberger Historiker und Lehrbeauftragten der Universität Heidelberg, Dr. Viktor Krieger, der über 250 Jahre Geschichte der Russlanddeutschen bis in die Gegenwart referierte. Allein seit 1994 seien mehr als 150.000 Zuwanderer mit deutschen Wurzeln aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Baden-Württemberg gekommen, die  ihre eigene Erfahrung und Kultur mitgebracht hätten. Er schätzte die Zahl dieses Personenkreises in Baden-Württemberg auf eine halbe Million und deutschlandweit auf rund zwei Millionen.

Katharina II.: Deutsche wurden nach Russland eingeladen und dann verfolgt

Durch den „Kolonistenbrief“ Katharinas II. aus dem Jahr 1763 zog es viele deutsche Siedler nach Russland. „Mit ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition stellten sie im Zarenreich eine besondere Bevölkerungsgruppe dar und prägten in der Folgezeit die russländische Geschichte maßgeblich mit“, so Krieger und dann weiter: „keine 200 Jahre später wurden aus Siedlern Verfolgte“. Der bekannte Publizist der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erinnert daran, dass in den Jahren des Großen Terrors 1937-38 in Russland und vor allem seit 1941 die Nachfahren der ersten Siedler eine der exponiertesten Zielscheiben der staatlichen Repressalien waren, denn sie seien zu Zehntausenden ermordet, verhaftet und deportiert worden.

Da die Sowjetführung sich weigerte, ihre deutschen Bürger zu rehabilitieren und gleichberechtigt zu akzeptieren, reisten bereits seit Mitte der 1950er bis Ende der 80er Jahre über zwei Millionen Russlanddeutsche als (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik, um hier als Gleiche unter Gleichen leben zu können. Viktor Krieger beleuchtete dabei in seinem Vortrag die Besonderheiten ihrer historischen Erfahrungen und ihrer Erinnerungskultur. Krieger sieht die Mehrzahl der Russen heute in „Deutschland angekommen“ an. Manche seien dies nicht, was aber sich mit den Jahren noch geben werde, wenn man ihnen die politische Teilhabe besser zugänglich mache. Tendenzen zu rechtsradikalen Kräften sieht der Historiker mit Sorge und die Gesellschaft müsse hier den Russen die Chance zur Integration unter Wahrung einer eigenen Identifikation belassen. Krieger sieht es als entscheidend an, dass mehr politische Entscheidungsträger russische Wurzeln und Verständnis für deren Situation haben sollten. Er vergleicht dieses mit Verantwortlichen anderer Nationen, die heute selbstverständlich in unseren Parlamenten vertreten seien.

Kriegsfolgeschicksale vor Sprache als Kriterium für die Aufnahme

ViktorKrieger verwies in seinem Vortrag auf die Rechtslage zur Aufnahme vonRusslanddeutschen in der Bundesrepublik. Krieger: „Entscheidend ist dasUnrecht, was diesen Deutschstämmigen in Russland durch die aggressive PolitikHitlerdeutschlands zuteilwurde!“ Er meinte damit, dass nur Russlanddeutschen,die selbst in der Zarenarmee dienten, auf einmal Verfolgte im eigenen Land war,weil sie nur von Deutschen abstammten und oft kein Wort Deutsch mehr sprachen.

Stuhl für Forschung der Russlanddeutschen gefordert

Krieger forderte auch verständlicherweise bessere Arbeitsbedingungen für Forschungsarbeiten, da er eine ungewöhnliche Situation in Heidelberg habe. Seine Situation sei die „einer budgetlosen Einrichtung des Landes Baden-Württemberg“. Ihm und anderen Akteuren werde stets Unterstützung von Politikern  zugesichert, aber die notwendige Finanzausstattung käme nicht.

Der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft sah in diesem Abend zwei Dinge: „Zum einen verstehen wir die Situation der Russen in Deutschland besser und zum anderen muss die Finanzlage der Forschungsarbeit besser werden!“

Und was sagt doch das Regierungsprogramm der Großen Koalition dazu, fragte Schulz abschließend: „Das kulturelle Erbe der Deutschen in Mittel- und Osteuropa und das Kulturgut der Vertriebenen,Aussiedler und Spätaussiedler sind wichtige Bestandteile der kulturellen Identität Deutschlands.“ Dem hatten die Referenten und die Besucher des Abend nichts hinzuzufügen.


Gerhard Laier (Vorsitzender der Deutsch-Russischen Gesellschaft Ettlingen) mit Andreas Schulz (Fachreferent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg) in der Mitte und Dr.Viktor Krieger (Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg, rechts)