Friedensarbeit auf dem Friedhof

SÜDWEST PRESSE
Anstatt in den Ferien die Beine hochzulegen, schuftete eine Gruppe von Jugendlichen in den vergangenen zwei Wochen gemeinsam auf dem Ulmer Friedhof. Sie pflegten dort Kriegsgräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. 27 junge Leute aus insgesamt 13 verschiedenen Nationen  waren im Rahmen des internationalen Jugendcamps des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge zu Gast in der Region Ulm.
Das Projekt steht jedes Jahr unter dem Motto „Arbeit für den Frieden – Versöhnung über den Gräbern“. Auf den Ulmer Kriegsgräbern reinigten sie die Kreuze und Grabsteine, zeichneten Namens-Inschriften nach, schnitten die Hecken und mähten den Rasen. Neben den Arbeiten auf dem Friedhof erkundeten die Jugendlichen in den vergangenen Wochen Süddeutschland. Sie machten Ausflüge nach Augsburg, Stuttgart und Tübingen.
In Ulm besuchte die Jugendgruppe die KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg und lernte die leidvolle Geschichte von Hans- und Sophie Scholl in der Denkstätte Weiße Rose kennen.  In mehreren Workshops setzten sich die Teilnehmer mit dem Thema „Menschenrechte“ auseinander, die die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben sind.
Zum Abschluss des Jugendcamps, fand nun am Mittwoch eine offizielle Gedenkfeier auf dem Ulmer Hauptfriedhof statt. Oberbürgermeister Gunter Czisch und Johannes Schmalzl als Landesvorsitzender des Volksbundes bedankten sich für das Engagement der Jugendlichen. „Die Arbeit der jungen Menschen stellt eine ganz besondere Wertschätzung dar und ist eine tolle Botschaft für Europa“, betonte Czisch. Für Schmalzl ist der Einsatz der Jugendlichen mitten in der Ferienzeit alles andere als selbstverständlich. „Es ist besonders bemerkenswert, da Deutschland mitverantwortlich für den Ersten und allein verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg ist“, sagte Schmalzl. Durch die Arbeit des internationalen Jugendcamps werde ein Zeichen der Versöhnung gesetzt und ein Beitrag gegen das Vergessen geleistet. Denn es liege an uns, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, betonte Schmalzl. „Wir wollen nie wieder Krieg in Europa!“
Der zweite Teil der Feier wurde von den Jugendlichen selbst gestaltet. Gemeinsamen sangen sie ein Stück von Alicia Keys „We are here“, das von Keyboard und Gitarre begleitet wurde. In der abschließenden Ansprache ließen die Jugendlichen die vergangenen 14 Tage Revue passieren:  Ihre Arbeit sei von Anfang an eine Arbeit „mit Hand, Herz und Kopf“ gewesen.
Die jungen Erwachsenen schufteten zuerst mit ihren Händen, um die Kreuze und Grabsteine von Moos und Schmutz zu befreien. Dadurch fingen sie an, über die Menschen, die dort begraben sind, nachzudenken. „Die Gedanken berührten unsere Herzen und die eintönige Arbeit machte plötzlich Sinn“, sagt Florin Baday aus Bukarest.
Vor der Feier seien sie noch einmal gemeinsam über den Friedhof gegangen. „Es war ein großer Unterschied“, sagt Florin stolz. Auch Uwe Reinisch, Leiter des Jugendcamps, ist immer wieder erstaunt, wie viel in den zwei Wochen geschafft wird.
Am Ende eine Schweigeminute
Besonders am Herzen liegt es Reinisch, dass sich während der Zeit im Sommercamp Vorurteile zwischen den Teilnehmern verschiedener Länder abbauen und Freundschaften entstehen. Zum Schluss der Feier forderte Reinisch zu einer Schweigeminute auf, um an Opfer von Krieg und Terror, wie jüngst in Spanien, zu gedenken.
Der Volksbund Kriegsgräberfürsorge ist für die deutschen Kriegsgräber im Ausland zuständig und arbeitet auf insgesamt 800 Kriegsgräberstätten in 500 Nationen. Seit 1953 bietet der Volksbund jährlich die Workcamps für Jugendliche an. Beim Projekt in Ulm hat auch die Bundeswehr mitgewirkt, die einen Bus und zwei Köche für die gesamte Zeit zur Verfügung stellte. Auch die Friedhofsverwaltung hat die Jugendlichen in ihrer Arbeit unterstützt.

Im Gespräch mit den Jugendlichen
Elvire Benoit aus Lothringen wollte mal etwas Besonderes machen in den Ferien. Ihre Deutschlehrerin war einst selbst Teilnehmerin des Camps und hat die 17-Jährige auf die Idee gebracht. Am besten hat Elvire das Zusammenleben mit Teilnehmern aus zwölf anderen Nationen gefallen. „Wir haben viel von der Kultur, der Sprache und den alltäglichen Bräuchen der anderen Länder kennengelernt, das fand ich sehr bereichernd“, erzählt sie.
Caroline Rak ist 19 Jahre alt und war von Minsk in Weißrussland angereist, dort studiert sie Wirtschaft. Caroline ist selbst überrascht, wie interessant sie die Arbeit auf dem Friedhof fand. „Es war spannend, während des Nachzeichnens der Namensschriften über die Geschichte der Opfer nachzudenken.“
Florin Baday (22) aus Bukarest in Rumänien ist seit seinem ersten Camp-Aufenthalt in München vor sechs Jahren jeden Sommer dabei gewesen. Auch er ist durch die Arbeit an den Kriegsgräbern den Geschichten der Opfer näher gekommen: „Für uns Europäer ist es schwer vorstellbar, dass man mit 16 oder 20 Jahren im Krieg sterben musste und muss, denn wir haben das Glück, im Frieden aufzuwachsen“. Dass man im Sommercamp Jugendliche aus ganz Europa treffen kann und dabei noch seine Sprachkenntnisse aufbessert, gefällt ihm besonders. „Am Anfang ist es immer schwierig, man kennt niemanden. Aber in den zwei Wochen sind wir zu einer Gruppe zusammengewachsen und Freunde geworden“, erzählt Florin. Nächstes Jahr wird er bestimmt wieder dabei sein.
Miriam Baitinger | 25.08.2017

Augsburger Allgemeine
Die beiden Teilnehmerinnen des Sommercamps der Deutschen Kriegsgräberfürsorge zeichnen die Inschriften auf Kriegsgräbern nach. Zwei Wochen lang arbeiten sie immer mal wieder auf dem Ulmer Hauptfriedhof.
Mehrere Jugendliche liegen auf dem Boden. Manche hören Musik, andere schwingen den Pinsel. Doch sie befinden sich weder im Park, noch malen sie etwas auf Papier. Die Pinsel in ihren Händen streichen über die verwitterten Grabsteine auf dem Ulmer Hauptfriedhof, die vor ihnen aus dem Boden ragen. Die 27 jungen Menschen aus zwölf verschiedenen Ländern nehmen an einem Projekt des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge teil: Sie pflegen für zwei Wochen Kriegsgräber als Zeichen für den Frieden.
Statt am Strand zu liegen oder die lern- und schulfreie Zeit zu genießen, nehmen sich die Schüler und Studenten Zeit, um Grabinschriften nachzuzeichnen, Steinkreuze zu reinigen oder die Grünanlagen zu pflegen. Über 30 Sommercamps werden von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge organisiert. In Russland, Weißrussland, Rumänien, Frankreich oder sogar Kamerun finden sie statt – aber die meisten organisiert der Verein hierzulande.

Ulm ist eines von 13 Camps in ganz Deutschland. Betreut werden die Jugendlichen von Uwe Reinisch. Er ist ehrenamtlicher Helfer bei der Kriegsgräberfürsorge. Seit 2004 beaufsichtigte der Aalener mehrere Sommercamps der Kriegsgräberfürsorge. „Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen“, sagt Reinisch. Die Arbeit an den Gräbern sei nicht allein dafür da, dass die Ruhestätten wieder gereinigt und verschönert werden. Vielmehr stößt die Beschäftigung Denkprozesse bei den jungen Menschen an, ist der Betreuer überzeugt. „Oftmals stellen sie fest: Oh, da war jemand so alt wie ich und der musste schon sterben. Das bringt die Jugendlichen dann zum nachdenken“, sagt Reinisch.
Zusätzlich zu der Arbeit an den Kriegsgräbern sei auch die politische und historische Bildung ein wichtiger Teil des Sommercamps. Oder wie Uwe Reinisch es ausdrückt: „Ich sage immer: Wir arbeiten mit Herz, Hand und Kopf.“ Auf dem Programm steht unter anderem ein Ausflug zur Fuggerei in Augsburg, ein Besuch der Gedenkstätte am Oberen Kuhberg, aber auch sogenannte Nationenabende. An diesen Abenden stellen alle Teilnehmer ihre Heimat vor, es gibt länderspezifisches Essen und traditionelle Tänze werden aufgeführt. Das Ziel: Stereotypen und Vorurteile abzubauen.
Ganz nebenbei entwickeln sich unter den Jugendlichen Freundschaften, die sich über die Landesgrenzen hinweg entwickeln. Der Student Florin Badau aus Bukarest hat schon einige neue Freunde über das Kriegsgräber-Projekt gefunden. Seit sechs Jahren nimmt er regelmäßig teil – in manchen Jahren besuchte er sogar mehrere Sommercamps; auch in diesem Jahr. Bevor er nach Ulm kam, war er bereits zwei Wochen im hessischen Zwingenberg. Er schätzt an den Camps, dass dort viele Leute unterschiedlicher Nationalitäten aufeinandertreffen. „Am ersten Tag kommt man an und kennt gar niemanden“, sagt der 22-Jährige. „Und am letzten Tag verabschiedet man sich unter Tränen.“ Das Sommercamp in Ulm beschäftigt sich dieses Jahr mit dem Thema Menschenrechte. „Wir setzen uns mit interessanten Dingen auseinander“, sagt Elvire Benoit. Die 17-Jährige ist aus Lothringen angereist. Sie ist überzeugt: „Es ist nicht wie Urlaub, es ist besser.“ Für den Student Badau hat das Camp einen anderen positiven Aspekt: „Ich habe hier sehr viel gelernt und nebenbei meine Fremdsprachenkenntnisse aufgebessert“, sagt der Rumäne auf Deutsch.
Für Reinisch ist es wichtig, dass sich die jungen Menschen selbst ihre Meinung zu den angesprochenen Themen machen. „Es steht kein politisches Engagement dahinter“, sagt er. „Ich denke, den Jugendlichen wird durch die Arbeit an den Gräbern bewusst: Das waren alles Menschen, die hier gestorben sind – egal, auf welcher Seite sie nun standen.“
Von Dorina Pascher
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Речь уренгойского школьника заставила задуматься всю страну